Interview
In Deutschland leiden je nach Schätzung zwischen 40- und 200.000 Menschen unter dem Tourette-Syndrom. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass sich Fabian, einer Ihrer beiden Helden im "Landeplatz der Engel", mit dieser Krankheit herumschlagen muss?
Ich wollte nicht, dass sich jemand mit dem Tourette-Syndrom herumschlagen muss, es war gerade umgekehrt. Diese – von vielen Betroffenen als „Schluckauf im Gehirn“ bezeichnete – Krankheit hat mich fasziniert und ich wollte eine Ausdrucksform dafür finden. So wuchs Fabian in mir heran. Tourette ist ein schwer fassbarer Vorgang, der die Hirnforscher noch immer vor eine Menge Rätsel stellt. Eine „kleine“ Fehlschaltung mit weitreichenden Auswirkungen. Tourette zeigt, wie schmal der Grad ist, auf dem wir wandern. Nur eine minimale Abweichung und wir finden uns auf der Seite wieder, die viele als nicht normal, behindert bezeichnen, mit allen Problemen die daraus erwachsen. Aber das Buch ist kein Buch über Tourette, dafür ist der zweite Held der Geschichte, Mirco, viel zu wichtig und zu stark. Beide schlagen sich damit herum, dass es nicht oder schwer beeinflussbare Dinge in ihnen gibt, die sie zu etwas Besonderem machen, die ihnen aber auch Steine in den Weg legen, Steine, an denen sie sich stoßen, Steine über die sie vielleicht stürzen werden.
"Scheiß was drauf." ist kein ganz gewöhnlicher erster Satz für einen Roman. Wollten sie ein bisschen mit einer Provokation beginnen?
Nein, ganz und gar nicht und mit dem Wort "Scheiße" kann man nun wirklich niemand mehr schockieren. In meinem Leben ging alles drunter und drüber zu dieser Zeit, ich war am Ende, wusste überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte, auch, was das Schreiben anging. Vor allem hatte ich das Gefühl, ich könnte dieses Buch nicht schreiben, ich würde daran scheitern. Und dann war er da der Satz. Scheiß was drauf. Mach einfach. Was interessiert dich, was andere denken. Aber was Fabian dachte, zu diesem Satz, das wollte ich wissen.
Hatten Sie Angst vor einem Helden mit einer Besonderheit wie dem Tourette-Syndrom?
Klar. Wer das verneinen würde, wäre nicht aufrichtig. Ich habe natürlich recherchiert, mit Betroffenen gesprochen. Es war ganz schnell klar, dass es nicht den Mann oder die Frau mit Tourette gibt. Du kannst es auch nicht nachempfinden oder so, alles Quatsch. Du kannst den Versuch machen, eine eigene Vorstellung davon zu entwickeln, sie in Bilder und Sprachbilder zu fassen und die eigenen Gefühle sprechen lassen. Und dann hoffen, dass er die Empfindungen anderer getroffen hat und nicht auf ihnen herumgetrampelt hat. Das gilt jedoch immer. Es gibt aber auch keinen Grund, Fabian zu schonen.
Wenn Sie in einem Satz sagen müssten, worum es in Ihrer Geschichte geht, wie würde dieser Satz lauten?
Es gibt Geschichten, die würde man nicht schreiben, wenn man genau wüsste, um was es in ihnen geht. Ich weiß es bei diesem Buch bis heute nicht genau und noch nie habe ich so unterschiedliche Reaktionen auf eine Geschichte bekommen.
"Thelma & Louise" lassen in Ihrem Roman grüßen - wenn auch in männlicher Besetzung. Hat dies einen besonderen Grund?
"Thelma & Louise" ist einer der schönsten und tiefgründigsten Filme, die ich kenne. Dabei hat er eine sonderbar schwebende Leichtigkeit. Es geht um Befreiung, um Freundschaft und um den schmalen Grad, auf dem man sich bewegen kann. Aber auch darum, dass zunächst kleine Anlässe eine Kettenreaktion in Gang setzen, die irgendwann nicht mehr zu kontrollieren ist. Davon ist auch einiges im Landeplatz. Ich habe mir allerdings nicht vorgenommen "Nun bringst du diesen Film in deinem Buch unter"! Die von Fabian und Mirco aufgegriffene Szene, also das unglaubliche Finale des Films, war einfach plötzlich da.
Für wen haben Sie Ihren Roman geschrieben?
Für mich.
Das Ende Ihres Romans ist offen - oder sehen Sie das anders?
Wo ist der Anfang? Wo das Ende? Muss es ein Ende geben? Einige "Vorableser" sind über das plötzliche Tempo zum Ende des Buches "gestolpert", ich am Anfang auch, aber das kommt halt vor: Du hast eine Vorstellung von der Geschichte, ihrem Rhythmus, ihrem Ton gehabt und auf einmal drängt sie dir ihr eigenes Tempo auf. Klar, Sandra, die Freundin von Mirco, hätte noch eine große Rolle spielen können, es gibt über achtzig Manuskriptseiten zu ihr, klar, man hätte einen dollen Showdown in der Bank des Vaters schreiben können, wollte ich auch, ich gebe es zu. Aber eigentlich wollte ich nach den ersten Kapiteln nur noch im Kopf der beiden Jungs sein und irgendwann musste ich zurück in meinen Kopf. In Mirco und Fabian tobt die Unendlichkeit, wir sind ein paar Tage dabei. Ende.

