Leseprobe:

„Biste ’n Spasti oder was?“
Ich spürte, wie sein Körper sich entspannte. Plötzlich drückte er gerade noch so schwer auf meinem Bauch, wie er wirklich war. Ich überlegte, ob ich die Gelegenheit nutzen und einen Versuch wagen sollte, ihn von mir herunterzukatapultieren.
„Sag noch ein Mal Spasti und –“
„Und was?“ Er drückte mich wieder fester auf den Boden. „Was?“, lachte er mich aus. „Was? Sag schon, Spasti, was?“
Statt einer Antwort tobte der Tic durch mein Gesicht.
Mirco schaute mich an, regungslos. Nur seine hellen Pupillen, die grau oder blau sein mussten, irrten in den dunkel umschatteten Augenhöhlen umher. Sie starrten mir ins Gesicht, suchten es ab, überprüften jeden Millimeter. Er legte den Kopf ein wenig schief, zur Seite, so wie es der kleine Köter unseres Nachbarn tat, wenn in der Fernsehwerbung etwas kläffte und er nicht checkte, dass dieser graue Kasten wie ein Hund bellte, aber nicht wie einer aussah oder roch. Was, verdammt, wollte er sehen, was entdecken?
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis seine Augen sich plötzlich nach oben verdrehten und unter dem Oberlid komplett verschwanden. Totes kaltes Weiß glotzte mich an. Sein Mundwinkel begann zu zucken, zuerst nur ein bisschen, dann spielte er das volle Programm meines Tics ab, legte bei allem noch ein bisschen drauf.
„Arschloch“, zischte ich ihn an. Ich war darauf gefasst, dass jemand wie Mirco erst richtig in Fahrt kam, wenn man ihn beschimpfte, aber das Gegenteil passierte.
Er nahm die Hände von meinen Handgelenken, zog auch die Knie zurück, die mich immer noch am Boden hielten. Gemütlich lehnte er sich zurück und saß nun mit dem vollen Gewicht auf meinem Bauch. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich schlage keine Spastis. Spastis nicht und Mädchen nicht, klar?“
„Aber ich schlage Arschlöcher.“
Ich versuchte einen Treffer in seinen Magen zu landen. Er war schneller, umklammerte mein Handgelenk.
„Spasti!“
„Arschloch!“
„Spasti!“
„Arschloch!“
„Vollspasti!“
„Oberarschloch!“
„Obervollarschlochspasti!“
Er hatte begonnen meine Tics nachzuäffen und nach jedem Wort steigerte er sich ein bisschen. Er hatte Talent, er wäre ein toller Anhänger von Monsieur Gilles de la Tourette geworden. Ich musste aufpassen, dass sich seine Varianten von Zuckungen und Gesichtsakrobatik nicht in irgendeiner hinterhältigen Zelle meines Hirns festsetzten, aber meine graue Masse hatte anscheinend gerade genug Material. Sie fuhr das volle Programm ab, Tics, die schon längst aus der Mode gekommen waren, rasten durch meine Hirnwindungen und entluden sich mit unseren Beschimpfungen.
Auf jeden Tic wusste Mirco eine Antwort, auf ein Nasezucken reagierte er mit hektischem Augenzwinkern, zappelte ich mit den Armen, schlug sein Bein unkontrolliert bis zu seinem Hintern, streckte ich den Kopf vor wie ein neugieriger Vogelstrauß, ließ er die Zunge zwischen den Lippen vibrieren.
Er lachte.
Ich lachte.