Man hat mich des öfteren gefragt, warum fast in jedem meiner Bücher
eine Schildkröte vorkommt. Ich muss zugeben, dass mir diese Tatsache
selbst erst durch die Frage auffiel.
Eigentlich
hat sich die jeweilige Schildkröte (Uschaurischuum, Morla, Kassiopeia,
Tranquilla usw.) sozusagen immer ganz von selbst eingestellt, ohne meine
Absicht. Aber vielleicht können einige Hinweise auf die Bildersprache
der Mythen und Märchen die Frage wenigstens teilweise beantworten.
In der Weltmythologie wimmelt es ja geradezu von Schildkröten. Der
Noah der nordamerikanischen Indianer z.B. rettet sich nicht wie der biblische
in einem Schiff, sondern auf dem Rücken einer riesigen Wasserschildkröte
mit seiner Familie über sie Sintflut. Im indischen Mythos steht die
Welt auf dem Panzer einer kosmischen Schildkröte.
Wenn
man das I-Ging, das chinesische "Buch der Wandlungen", aufschlägt,
so wird man finden, dass die 64 Ur-Hexagramme, von denen, wie es heißt,
alle Schriftzeichen abstammen, von einem vorgeschichtlichen Weisen aus den
Mustern auf den einzelnen Platten eines Schildkrötenpanzers abgelesen
worden sind. (Wer Momo gelesen hat, wird sich hier vielleicht an Kassiopeias
Mitteilungshinweise erinnert fühlen.) Die Beispiele sind fast beliebig
vermehrbar.
Was mir persönlich an Schildkröten (ich spreche hier von der mediterranen
Landschildkröte) so besonders sympathisch ist, das ist:
| 1. | ihre vollkommene Nutzlosigkeit. Schildkröten haben weder Freunde
noch Feinde in der Natur (außer dem Menschen, versteht sich, der
ja inzwischen der gefährlichste Feind aller Kreatur geworden ist,
aber ist kein "natürlicher" Feind). Sie nützen niemand
und sie schaden niemand. Sie sind einfach da. Das scheint mir in einem
Weltbild wie dem gegenwärtigen, in dem alles in der Natur vom Nützlichkeitsstandpunkt
aus erklärt wird, eine bemerkenswerte und tröstliche Tatsache. |
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| 2. | ihre Bedürfnislosigkeit. Schildkröten können mit fast
nichts existieren. Täglich ein paar Blättchen, damit kommen
sie über Wochen und Monate aus. |
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| 3. | ihr Alter. Ich meine damit nicht nur, dass sie im einzelnen sehr
alt werden können, sondern das Alter ihrer Spezies. Es hat sie
schon gegeben, als der Mensch noch in Abrahams Wurstkessel schwamm,
und es wird sie vermutlich noch geben, wenn wir längst wieder abgetreten
sind. |
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| 4. | ihr Gesicht. Haben Sie einer Schildkröte schon mal direkt ins
Gesicht gesehen? Sie lächelt. Sie scheint etwas zu wissen, was
wir nicht wissen. |
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| 5. | ihre Form. Dies ist der am schwersten zu erklärende Punkt, weil
er dem gegenwärtigen Denken ungewohnt ist:
Wenn man eine Schildkröte einmal nicht anatomisch, sondern symbolisch
betrachtet, also das ins Auge fasst, was ihre Gestalt ausdrückt,
dann hat man es eigentlich mit einer wandelnden Hirnschale aus Horn
zu tun. Die Hirnschale spielt in den Mythen der Welt ebenfalls eine
bedeutsame Rolle. Nach der Edda wurde das gestirnte Himmelsgewölbe
aus der Hirnschale des Ur-Eisriesen gebildet. In der Hirnschale befindet
sich die Fontanelle, eine kleine Öffnung nach oben, die beim neugeborenen
Kind noch für eine kurze Weile offen bleibt und sich dann nach
und nach schließt. Das ist die Erinnerung des physischen Leibes,
so sagen einige Quellen des alten Wissens, an eine Ur-Zeit, in der diese
Fontanelle des Menschen sein Leben lang offen blieb. An dieser Stelle
befand sich ein Organ (man kann seine eigentümliche Form noch jetzt
an allen Buddha-Statuen als "Frisur" sehen), mit dem der Mensch
wie träumend über die Welt von Raum und Zeit hinaus, also
jenseits des Himmelsgewölbes, wahrzunehmen vermochte. Die Inder
nennen es den "tausendblättrigen Lotos". Vielleicht sind
sogar unsere Königskronen noch eine, inzwischen unbewusste, Nachbildung
dieses Organs.
Bei den Schildkröten ist die Schale geschlossen. Das denkende Ich
ist mit sich allein und wird sich seiner selbst bewusst. Mit anderen
Worten: "Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich." |