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Modernisierung von Kinderbuchklassikern

Unsere Haltung und wie wir arbeiten

Wir sind ein Kinder- und Jugendbuchverlag mit einer langen Tradition und einem Kanon an Büchern, die mittlerweile Klassiker der Kinderliteratur sind.

 

Neben diesen Klassikern entwickeln wir mit unseren Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstlern Bücher, die mitten in unserer heutigen Zeit stehen. Unser Programm ist vielfältig und richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen. Allen Programmfarben gemein ist unser Anspruch an die sorgfältige und verantwortungsbewusste Arbeit, die in jeden einzelnen Titel fließt. Insbesondere mit Blick auf unsere Zielgruppe, Kinder und Jugendliche, sind wir sensibilisiert für die gesellschaftspolitischen Debatten, wir diskutieren Meinungen und Positionen und sind offen für den Diskurs. Das Thema Diversität ist mittlerweile fest in unseren Programmen verankert und auch wir bilden uns in den diversen Themengebieten.

 

Unsere Klassiker, die vornehmlich in den 1950er bis 1970er Jahren geschrieben wurden, betrachten wir vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder neu, da sie wie alle Texte in ihrer Zeit verwurzelt sind.

 

Eine behutsame Modernisierung ist uns mit Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ gelungen: Eine – vom Autor und Verlag in Übereinstimmung getroffene – Veränderung eines Textes, der dadurch nichts an seiner literarischen Qualität verloren hat.

 

Vergleichbare Eingriffe sind nicht bei jedem unserer Klassiker ohne weiteres möglich. Eine Modernisierung dieser Texte, ein Hinüberheben in unsere Zeit, ist ein ebenso diffiziles Unterfangen wie ein komplexer und zeitintensiver Prozess. Dabei steht für uns selbstverständlich wie verpflichtend das Urheberrecht, die Hoheit der Autorin/des Autors über ihren/seinen Text, beziehungsweise die des Nachlasses, auf den diese Hoheit übergegangen ist, an erster Stelle. In diesem Spannungsfeld betrachten wir immer wieder mit aller Sorgfalt das Ob, Was und Wie. Für jeden einzelnen Text.

Überarbeitete Neuausgaben von „Jim Knopf“

Der Thienemann Verlag hat in Abstimmung mit Michael Endes Erben Textänderungen in beiden Bänden vorgenommen und unter anderem das N-Wort gestrichen. Auch die Zeichnung von Jim Knopf wurde in Absprache mit dem Erben von Illustrator F. J. Tripp angepasst.

Am 24. Februar 2024 erscheinen im Stuttgarter Thienemann Verlag die überarbeiteten kolorierten Neuausgaben von Michael Endes Kinderbüchern „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die Wilde 13“.

Damit Kinder, die die Bücher jetzt lesen, diese problematischen sprachlichen Elemente nicht in ihren Alltagswortschatz übernehmen, haben Nachlass und Verlag nach reiflicher Überlegung entschieden, das N-Wort zu streichen und die stereotypen Beschreibungen zu reduzieren. Wir sind sicher, damit ganz im Sinne von Michael Ende zu handeln, der bekanntermaßen weltoffen, respektvoll und immer für die Kinder war.

Beide „Jim Knopf“-Bände handeln von der Freundschaft unterschiedlicher Personen, der Akzeptanz des Fremden und Andersartigen und der Überwindung von geglaubten Feindschaften. Michael Ende hat in diesen Abenteuergeschichten ein deutliches Gegenbild zu ausgrenzenden Ideologien gezeichnet, mit denen er in seiner Jugend selbst konfrontiert war. Er tat dies auf spannende und humorvolle Weise in einer Sprache und mit Bildern, die auch für Kinder verständlich sind.

Das N-Wort hat Michael Ende Anfang der 1960er Jahre bewusst nur Herrn Ärmel in den Mund gelegt, um auf die fehlende Weltoffenheit dieses typischen Untertans hinzuweisen. Heute kann auch ein solch distanzierter Gebrauch als diskriminierend gewertet werden. Dasselbe gilt für die Gleichsetzung von schwarzer und schmutziger Haut, die Michael Ende als eines der Stilmittel einsetzt, um die enge Verbindung zwischen Jim Knopf und dem Lokomotivführer Lukas besonders zu betonen.

Der Illustrator F. J. Tripp hat in seinen ikonischen Zeichnungen zu Michael Endes „Jim Knopf“-Büchern alle Figuren überzeichnet, so auch die Darstellung von Jim Knopf selbst. Wie sein väterlicher Freund Lukas hat Jim Knopf ein quergelegtes Oval als Kopf, dieselben kugelrunden Augen, eher abstehende Ohren und einen breiten Mund. Es sind die dicken rosafarbenen Lippen und die schwarze Haut, die ohne Begrenzung in die schwarzen Haare übergeht, die in der heutigen Betrachtung und vor dem Hintergrund der Rassismuserfahrungen Schwarzer Menschen irritieren können. Aus diesem Grund ist die Zeichnung von Jim Knopf in den überarbeiteten kolorierten Neuausgaben in Absprache mit dem Erben von F. J. Tripp ebenfalls angepasst worden. Die Änderungen werden in den Neuausgaben der 2015 erschienenen, farbig illustrierten Ausgaben umgesetzt.

Die Ausgaben mit den ursprünglichen schwarz-weißen Original-Illustrationen sind unverändert lieferbar. Sie werden zukünftig ein einordnendes Nachwort enthalten.


Was sagen Sie zu dem Vorwurf „Jim Knopf“ sei rassistisch?

Bärbel Dorweiler, Verlegerin: Michael Ende hat in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ mit großer Selbstverständlichkeit einen kleinen schwarzen Jungen zum Helden seines Buches gemacht, und so nennt er ihn auch im Text: „ein kleiner schwarzer Junge“. Der Vorwurf, das Buch sei rassistisch, entzündet sich zumeist an der wörtlichen Rede von Herrn Ärmel zu Beginn des Buches: „‚Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein‘, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“ Mit diesem Satz charakterisiert Michael Ende die Figur von Herrn Ärmel; der Satz gehört zu seiner Figurenzeichnung als Prototyp des (Spieß-)Bürgers, des „Untertans“ in dieser Geschichte, der alles richtig machen will – und es doch so falsch macht.

In dieser Szene, in der Jim Knopf als kleines Baby per Paketpost in Lummerland ankommt, reagieren alle Einwohnerinnen und Einwohner, wie es ihrer Charakterzeichnung entspricht: Der König gibt sich majestätisch, Lukas zeigt seinen Gerechtigkeitssinn und empört sich, dass jemand ein Baby einfach in einen Karton gesteckt hat, und Frau Waas freut sich über das kleine Baby, das sie warmherzig wie ein eigenes Kind zu sich nimmt.

In diesem vielschichtigen Spektrum an Reaktionen wird das kleine schwarze Baby überwiegend liebevoll angenommen; die mögliche Ablehnung wegen des äußerlichen Andersseins scheint in der Reaktion von Herrn Ärmel auf.


Warum streichen Sie nicht einfach diesen oder andere diskriminierende Begriffe?

BD: Grundsätzlich haben die Autorinnen und Autoren die Hoheit über ihre Texte; das bringt der urheberrechtliche Schutz mit sich. Kein Verlag kann und wird ohne Rücksprache und Zustimmung der Autor:innen oder ihrer Erb:innen in einen Text eingreifen.

Für uns als Verlag ist die Gesamtaussage eines Werkes entscheidend: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ist eine märchenhafte Abenteuererzählung, in der Michael Ende einen kleinen schwarzen Jungen zu seinem Helden macht. Gemeinsam mit seinem väterlichen Freund Lukas, dem Lokomotivführer, befreit er eine bunte Gruppe von Kindern unterschiedlichster Herkunft aus der Herrschaft des bösen Drachen Frau Mahlzahn. Damit schreibt Michael Ende auch eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Rassenideologie, wie Julia Voss in „Darwins Jim Knopf“ überzeugend dargelegt hat.

Es ist Herr Tur Tur, der Scheinriese, der Jim Knopf und Lukas sowie den Leserinnen und Lesern erklärt, wie Diskriminierung aus Vorurteilen entsteht:

„‚Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf, zum Beispiel, hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft.‘“

Hier zeigt Michael Ende das Denkmuster, das hinter Rassismus und Diskriminierung steckt, und prangert es an: Man darf jemanden nicht nach seinem Äußeren, nach seiner Hautfarbe beurteilen. Und er zeigt an Jim Knopf und Lukas, dass man anders handeln kann und muss: vorurteilsfrei, respektvoll anderen Menschen und Kulturen gegenüber; ja, er geht sogar so weit, dass das „Böse“, personifiziert im Drachen Frau Mahlzahn, zum Guten transformiert werden kann.

Deswegen sind wir überzeugt, dass Kinder „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ lesen sollten: Michael Ende thematisiert in diesem Kinderbuch das Anderssein und die Gefahr, deswegen ausgeschlossen zu werden. Er lässt seine Leserinnen und Leser einen kleinen schwarzen Jungen kennenlernen, der gemeinsam mit seinem Freund Lukas diese und andere Gefahren überwindet und zum echten Helden wird.


Finden Sie die Illustration von Jim Knopf im Jahr 2020 noch zeitgemäß?

BD: Es zeichnet F. J. Tripps Illustrationsstil sowohl in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als auch in anderen Büchern aus, dass er seine Figuren so stark überzeichnet, dass sie beinahe zu Karikaturen werden. So wird aus dem Lokomotivführer Lukas eine fast kreisrunde Gestalt, auf dessen schulterbreitem Kopf eine aberwitzig kleine Lokführermütze sitzt. Ebensolche Karikaturen sind König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte – mit königlich-rotem Bademantel, Hausschuhen und Krone –, sowie seine Untertanen Herr Ärmel – mit Schirm, Mantel und Melone – und Frau Waas – rund und rotbackig und mit Schürze.

Auch die Figur Jim Knopf ist so überzeichnet. Tripp stellt in seinen Zeichnungen die Freundschaft zu Lukas symbolhaft dar: In Körperhaltung, Proportionen und Mimik wird deutlich, dass beide eng zusammengehören. Einzelne übertriebene Details in Jim Knopfs Gesicht erinnern aus heutiger Sicht jedoch an böswillige Karikaturen. Natürlich ist Tripp darin Kind seiner Zeit; er zeigt Jim Knopf aber nie als ausgegrenzt: Jim Knopf steht als Held des Buches mitten im Geschehen und zumeist an der Seite seines Freundes Lukas, der ihn liebevoll beschützt.


Wie stehen Sie zu den rassistisch konnotierten Klischees in „Jim Knopf“?

BD: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ist zu einem Kinderbuchklassiker geworden, weil hier eine Geschichte erzählt wird, die Menschen berührt, die Generationen von Leserinnen und Lesern geliebt haben und lieben. Zugleich trägt dieses Buch, wie andere Klassiker häufig, die Zeichen der Zeit, in der es geschrieben wurde. Michael Ende ist, wie jede:r Autor:in, in seinem Sprachgebrauch auch Kind seiner Zeit. Er schafft mit seinem Werk etwas ganz Neues, aber der Raum, in dem er sich bewegt, ist geprägt von gesellschaftlichen Konventionen, die zum Teil nicht mehr die unseren sind.

So kann eine Diskrepanz entstehen: Eine geliebte und beliebte Geschichte trägt auch Elemente sprachlicher Konventionen, stereotyper Rollenbilder oder anderer Zuschreibungen in sich, von denen wir uns in unserer Gesellschaft inzwischen wegentwickelt haben oder uns wegentwickeln wollen. Aus diesem Grund verfolgen wir die aktuelle Diskussion um Sprache und Gesellschaft, um strukturellen Rassismus sehr genau. Die Vorwürfe, „Jim Knopf“ sei rassistisch, machen uns durchaus betroffen.


Zum Hintergrund: Kann ein Verlag Texte an heutige Lesegewohnheiten anpassen?

BD: Die Antwort auf diese Frage wird sich immer zwischen zwei Extrempositionen bewegen:

Wenn man die Autorin/den Autor als Schöpfer:in eines Kunstwerkes und den Text als sein einzigartiges Werk ins Zentrum stellt und als zentralen Wert begreift, dann sollte an diesem einzigartigen Werk so wenig wie möglich verändert werden. Mit dieser Haltung geht die Erwartung einher, dass die Leserinnen und Leser sich kundig machen: Schließlich können sie so nicht nur die Geschichte genießen, sondern an der Geschichte auch ihren Horizont, ihren Wortschatz, ihr Weltwissen erweitern. Bei Kinderbüchern bedeutet es, dass den vorlesenden Eltern oder Erwachsenen die Rolle zukommt, das Gelesene einzuordnen und zu erklären, bzw. – wenn ein Kind das Buch selbst liest – mit ihm darüber ins Gespräch zu gehen.

Stellt man hingegen die Leserin oder den Leser ins Zentrum, durch deren Lesen sich die Bedeutung des Textes erst konstituiert, dann sollte alles, was es der Leserin oder dem Leser – in diesem Falle der Vorleserin/dem Vorleser oder dem Kind – schwer macht, sich den Text zu erschließen, angepasst werden, auf dass die Rezeption ungebrochen fortgesetzt werden kann. Daraus resultiert die Forderung, in Kinderbüchern veraltete Begriffe zu ersetzen, aber auch Handlungen, die nicht unseren heutigen Vorstellungen davon entsprechen, was gesellschaftlich richtig und wünschenswert ist, zu streichen oder zu ersetzen.

Zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns als Verlag, wenn wir uns die Frage stellen, ob der Text eines Klassikers angepasst werden soll. Im Spannungsfeld zwischen Werktreue und Leserorientierung können wir kaum beides gleichzeitig tun: den Text des Klassikers in seiner ursprünglichen Form bewahren und ihn neuen Generationen leicht zugänglich machen. Deswegen versuchen wir immer, eine dem jeweiligen Text angemessene Lösung zu finden und sie dann in Absprache mit der Autorin/dem Autor oder ihrem/seinem Nachlass umzusetzen.

100 Jahre Otfried Preußler: Neuausgaben seiner Kinderbuchklassiker

Was sind die Beweggründe?

Kinderbuchklassiker haben einen hohen Stellenwert, weil sie Geschichten erzählen, die zeitlos sind und Generationen unterhalten und begeistert haben. Zugleich sind sie durch ihre Entstehungszeit geprägt. Sie enthalten Wörter, die inzwischen ungebräuchlich geworden oder anders konnotiert sind. Unter Klassikerpflege verstehen wir daher auch die Aufgabe, gemeinsam mit den Urhebern oder ihren Erben zu prüfen, ob wenige behutsame Änderungen oder Streichungen dafür sorgen können, dass Kinder von heute diese Bücher weiterhin mit Spaß und Gewinn lesen.


Was wurde geändert?

„Der kleine Wassermann“

In den Kapiteln „Die grünen Häuschen“ und „Trockene Füße!“ sieht der kleine Wassermann Sinti und Roma, die sich am Rand des Weihers niederlassen; Worte, die ihre Fremdheit besonders herausstellen, wurden reduziert.
Im Kapitel „Fünfundzwanzig!“ verzichten wir textlich und visuell auf die körperliche Züchtigung in der Abschlussszene. Otfried Preußler zeichnet im „kleinen Wassermann“ eine liebevolle Vatergestalt. Indem wir auf diese Stelle verzichten, kommen wir seiner ursprünglichen Intention wieder näher.

„Die kleine Hexe“

Verkleidungen in der Fastnachtsszene, die als kulturelle Aneignung aufgefasst werden können, sind durch andere Verkleidungen ersetzt worden; so verkleiden sich die Kinder nicht mehr als Chinesinnen oder als Native Americans.

„Das kleine Gespenst“

Die Selbstwahrnehmung des kleinen Gespensts als „schwarzes Scheusal“ wurde geändert, damit nicht‑weiße Kinder diese Zuschreibung nicht auf sich beziehen. Deshalb spricht das kleine Gespenst von sich selbst auch überwiegend als Tag- und Nachtgespenst.


Auf welche Maximen Otfried Preußlers berufen wir uns?

Weil Otfried Preußler nicht mehr lebt, haben wir uns in der Abstimmung mit der Vertretung der Erben an Maximen orientiert, die Otfried Preußler selbst fürs Schreiben für Kinder formuliert hat.

„Was du für Kinder schreibst, musst du vor deinem Gewissen für Menschenkinder verantworten können.“ (Otfried Preußler, Ich bin ein Geschichtenerzähler, S. 144)

Otfried Preußler empfand als Kinderbuchautor eine ganz besondere Verantwortung und Sorgfaltspflicht seinem Publikum gegenüber. Er hat Kinder sehr ernst genommen, fühlte sich ihnen verpflichtet und hat danach gehandelt, etwa indem er in Reaktion auf Kinderzuschriften Details in seinen Texten änderte.

Seitdem die Kinderbücher Otfried Preußlers erschienen sind, hat sich unsere Gesellschaft verändert; sie ist vielfältiger geworden. Unter den Kindern, die heute zur Schule gehen und dort Preußler lesen, haben bis zu 40 % einen Migrationshintergrund. Auch ihnen die Identifikation mit seinen Charakteren zu ermöglichen, ist in Otfried Preußlers Sinn.

„Der Autor muss sich darüber im Klaren sein, welche Stoffe, welches Vokabular, welche sprachlichen Formen er beispielsweise einem Sechs- oder Siebenjährigen zumuten kann.“ (Otfried Preußler, Ich bin ein Geschichtenerzähler, S. 145)

Otfried Preußler ist davon ausgegangen, dass Kinder seine Texte selbst und eigenständig lesen; für diese Lesesituation hat er sie geschrieben und so sind sie über Jahrzehnte rezipiert worden. Die vielen tausend Kinderbriefe, die er empfangen und beantwortet hat, bezeugen das eindrücklich.

Er hat sich nicht darauf verlassen, dass die Texte oder einzelne Aspekte der Geschichte erst durch Vermittlung von Erwachsenen erschlossen werden, egal ob es vorlesende Eltern oder Großeltern sind oder Lehrer, Bibliothekarinnen oder andere Vermittler.

Die aktuellen behutsamen Veränderungen sollen es Kindern weiterhin ermöglichen, die Bücher selbst zu lesen, ohne dass einzelne Szenen erst aus der Zeit ihrer Entstehung heraus erklärt werden müssten.


Warum ändern wir jetzt?

Otfried Preußler war ein genialer Erzähler, der sich in seinen Geschichten immer auf die Seite der Kinder gestellt hat. Mit dem kleinen Wassermann, der kleinen Hexe und dem kleinen Gespenst hat er drei literarische Figuren geschaffen, deren große Anziehungskraft ungebrochen ist. Der kleine Wassermann erobert mit seiner Neugierde die Welt des Mühlenweihers und schlägt dabei dann und wann über die Stränge. Die kleine Hexe muss sich gegen die erwachsenen Hexen behaupten und etabliert dabei für sich, was es heißt, Gutes zu tun. Und das kleine Gespenst treibt mit unbändiger Freude seinen Schabernack mit der gesellschaftlichen Ordnung der Erwachsenen und hält ein ganzes Städtchen auf Trab.

Otfried Preußlers 100. Geburtstag ist für ein breites Publikum Anlass, diese Figuren des Autors neu oder zum ersten Mal zu entdecken. Mit den behutsamen und punktuellen Änderungen in den Neuausgaben bleibt das ein unbeschwertes Vergnügen. Dabei wurden die Erzählintention, die sprachliche Brillanz der Texte, ihr Rhythmus und Klang gewahrt.